Bis heute ein Tabu-Thema

Darmkrebs und Sexualität

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Erstellt am 31.01.2014 von Redaktion

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Auch Menschen, die an Krebs erkrankt sind, haben ein Recht darauf, mit ihren sexuellen Bedürfnissen wahr und ernst genommen zu werden. 

Die sexualmedizinische Betreuung von KrebspatientInnen, die sich mit den Auswirkungen von der Erkrankung auf die Sexualität der PatientInnen beschäftigt, hat hier allerdings noch großen Aufholbedarf.

Dank des medizinischen Forschungsfortschritts und der neuen Behandlungskonzepte bei Darmkrebs wurde aus der Hilflosigkeit und Sprachlosigkeit bei Betroffenen wie auch TherapeutInnen ein Dialog, ein Miteinander für mehr Lebensqualität und Wohlbefinden der PatientInnen.

Viele verschiedene Aspekte beeinflussen die Sexualität

Sexualität wird gerne nur auf die körperliche Dimension, auf Praktiken und Vorlieben reduziert – bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass verschiedenste Aspekte den Menschen als sexuelles Wesen prägen und beeinflussen – zusätzlich zur körperlichen Ebene: z.B. die Psyche, Emotionen, das Körperbild, elterliche Erziehung, Kultur, Religion, Medien, Familie, Kinder, Beruf, finanzielle Situation uvm.

Unter dem Einfluss von Diagnostik und Therapie, wie z.B. Gewebeprobe-Entnahmen, Chemotherapie, Bestrahlung, Operationen, Anlage von künstlichen Darmausgängen, verändern sich nicht nur die Wahrnehmung und das Bild vom eigenen Körper. Auch die Seele ist stark gefordert beim Annehmen der Krankheit und der Auseinandersetzung mit der eigenen Lebendigkeit, der Suche nach dem Sinn des bisherigen und künftigen Lebens bis hin zur Aussöhnung mit dem, was ist und sein wird.

Kein Mensch ist eine Insel für sich. Jeder Mensch lebt in einer Art sozialem Gefüge. Somit beeinflusst eine Veränderung der Sexualität der einen Person - beispielsweise über Beziehung und Partnerschaft – auch die Sexualität der Partnerin/des Partners.

Darmkrebs und Sexualität

All diese angeführten Aspekte beeinflussen die Sexualität einer Person nicht nur im Fall von Gesundheit, sondern auch im Fall einer Darmkrebserkrankung.

Der Bezug zum Körper, das Körperbild, die Wahrnehmung des eigenen Körpers verändern sich im zeitlichen Verlauf von der Diagnostik bis hin zu den therapeutischen Maßnahmen, wie künstliche Darmausgänge, und therapeutische Konsequenzen, wie Inkontinenz von Stuhl oder Harn.

Mal ist es wichtig, den Körper mit voller Vitalität, Energie, Freude und Kraft zu erleben, mit jeder Faser lustvoll zu spüren; dann wieder geben eine Umarmung, eine Berührung die Geborgenheit und Sicherheit, die im Moment gebraucht werden. Mal haben Körper, Psyche und Seele den Wunsch nach Ruhe und Rückzug, dann wieder nach Gesellschaft und Ansprache.

Grundsätzlich geht es auch bei der Erkrankung an Darmkrebs darum herauszufinden, was stimmig ist, wozu Gehirn, Herz und Geschlechtsorgane übereinstimmend „Ja“ sagen, was gut tut und keinesfalls schadet oder gar schmerzt.

Es wäre daher fatal, die Sexualität von PatientInnen mit Darmkrebs von Seiten der behandelnden ÄrztInnen, Pflegepersonen als auch TherapeutInnen über einen Kamm zu scheren – speziell in dieser herausfordernden Lebenssituation.

Sexualität differenziert zu betrachten lohnt sich jedenfalls und stellt eine wichtige Ressource dar für ein bewusstes und erfülltes Leben, für ein positives Lebensgefühl, für mehr Lebensqualität.

Darmkrebs und funktionelle sexuelle Störungen im Verlauf der Behandlung

Auch wenn es in diesem Bereich noch viel zu erforschen gilt, wissen wir heute, dass die Auswirkungen der Behandlung von Darmkrebs auf körperlicher wie psychischer Ebene wiederum kurz-, mittel- und langfristig funktionelle sexuelle Störungen mit sich bringen können:

Medikamente wie z.B. Chemotherapeutika können – als Nebenwirkung – die Lust reduzieren.
Geschätzt wird, dass 30 bis 50% der Operationen funktionelle Auswirkungen auf der körperlichen Ebene der Sexualität haben.
Speziell ein künstlicher Darmausgang (Stoma) lässt bei den Betroffenen meist viele Fragen offen, wie sie ihre Sexualität nun leben sollen/können.
Die Strahlentherapie hat Auswirkungen auf den Beckenbereich – kurz- wie langfristig.
Auch der Genesungsverlauf bringt Auswirkungen auf die Sexualität mit sich – vor allem durch das veränderte Körperbild, die veränderte Körperwahr-nehmung und die Tatsache, dass der Körper nun „anders funktioniert“ als bisher gewohnt.

Sexualität IST ein Thema!

Die Sexualität ist ein bis dato von ÄrztInnen, Pflegepersonen und Therapeutinnen vernachlässigtes, aber sehr wertvolles Thema. Sie ist von essenzieller Bedeutung für das Annehmen der Krankheit, das Wohlbefinden, eine adäquate Lebensqualität sowie das Einhalten und die Durchführung von Therapien.

Sexualität sollte daher im Vorfeld, während des Behandlungsprozesses, aber auch nach Beendigung der Therapie immer wieder angesprochen werden. Es ist wichtig, Sexualität zur bewusst Sprache zu bringen und aus der Tabu-Zone zu holen – von Seiten der ÄrztInnen wie auch von Seiten der PatientInnen.

Vieles steckt hier noch in den Kinderschuhen. Erfreulich zu berichten ist, dass auch in Österreich ÄrztInnen aus den verschiedensten Disziplinen sich mit dem Thema der „sexuellen Gesundheit“ auseinandersetzen. Sie vertiefen ihr Wissen durch Fortbildungen, um kompetente AnsprechpartnerInnen bei allen Fragen zur Auswirkung von Krankheit auf die sexuelle Gesundheit zu sein.

 

Anmerkung der Redaktion:

Auch z.B. PsychoonkologInnen, die heute an so gut wie allen medizinischen Krebszentren bzw. einschlägigen Krankenhausabteilungen in Österreich Rat und Hilfe anbieten, sind kompetente Ansprechstellen bei sexuellen Fragen und Problemen.

 

Univ. Ass. Dr. med. Lucia Ucsnik, MAS

In Ausbildung zur Chirurgin an der Medizinischen Universität Wien
Universitätsklinik für Chirurgie am AKH-Wien
Allgemein- und Sexualmedizinerin
E-Mail: lucia.ucsnik@meduniwien.ac.at