Darmgesund schlemmen!

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Erstellt am 05.02.2014 von Redaktion
Müsli

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Ein Gespräch mit Onkologin und Ernährungsexpertin Prof. Dr. Irene Kührer zum Thema „Ernährung und Darmkrebs“.

Warum beschäftigen Sie sich mit Ernährung?

Das ist eine lange Geschichte, die eigentlich vor 15 Jahren begonnen hat. Mich haben viele Patienten und Angehörige gefragt: “Was darf ich essen, worauf muss ich achten, kann ich etwas Besonderes tun?“

Diese Fragen haben mich dazu bewegt, über längere Zeit die besonderen Bedürfnisse von Patienten unter Chemotherapie zu beobachten. Appetitlosigkeit, Mundschleimhautentzündung und Geruchsempfindlichkeit waren die ersten Symptome, die ich bei vielen feststellen konnte – Nebenwirkungen der Chemotherapie, die man aber nicht hinnehmen muss.

Zur selben Zeit habe ich Elisabeth Fischer kennengelernt. Sie ist Kochbuchautorin und experimentiert gerne in der Küche. Wir haben dann gemeinsam erste Erfahrungen gesammelt. Etwa zur Wirkung von Küchenkräutern – sie fördern die geschmackliche Wahrnehmung. Bei Patienten, die unter Geschmacksstörungen – einer Folge der Chemotherapie – litten, konnten die ätherischen Öle neue Geschmackserlebnisse hervorrufen und damit kam auch der Appetit. Unsere Erfahrungen haben wir dann in einfach nachzukochenden Rezepten und Patientenratgebern zusammengefasst.

Gibt es eine richtige oder eine falsche Ernährung?

Die Antwort ist einfach: ja. Die richtige Ernährung muss den individuellen Bedürfnissen des Patienten angepasst sein. Der Ernährungszustand, genaugenommen Gewichtsverlust und BMI, sind die wichtigsten Kriterien bei der Auswahl der richtigen Essunterstützung.

Bei einem Gewichtsverlust von mehr als 10% in drei Monaten sollte eine aktive Ernährungstherapie in Kooperation mit Diättherapeutinnen ausgearbeitet werden.

Was heißt das?

Ich vergleiche die Ernährungstherapie mit einer Stufenleiter. Die erste Stufe ist die Anpassung der Hausmannskost, die zweite Stufe ist die Ergänzung mit hochkalorischer Trinknahrung und nur für wenige Patienten ist es notwendig, über längeren Zeitraum die Ernährung über die Vene durchzuführen.

Welche Lebensmittel sind also gut?

Schon beim Einkaufen soll man auf Produkte der Jahreszeit mit kurzen Anlieferungswegen achten. Nur dann ist Obst und Gemüse reich an sekundären Pflanzenstoffen und Vitaminen.

Bei Vollkornprodukten soll man während der Chemotherapie eher zurückhaltend sein – besonders, wenn man unter Durchfall leidet.

Schützen Lebensmittel vor Krebs oder unterstützen sie die Therapie?

Während jeder Form von Therapie, auch in der Regenerationsphase nach einer Operation, ist der Vitaminbedarf erhöht. Fast alle Patienten können ausreichend Vitamine aus der Nahrung aufnehmen. Das heißt jetzt nicht rohes Obst und Gemüse zu essen, sondern insgesamt die Ernährung umzustellen.

Kürzere schonende Garzeiten, schmackhafte Fruchtdrinks und verschiedene andere Gemüsevariationen in den Kochalltag einbauen! Die Patientenratgeber, aber auch Rezepte auf der Homepage www.darmkrebs.at helfen, die „neue“ Küche auszuprobieren.

Und was schützt mich wirklich?

Hier muss man kein Experte sein um sich in der Vielfalt der Vitamine und sekundären Pflanzenstoffe auszukennen. Die Natur hat die Schutzstoffe durch Farben „gekennzeichnet“, etwa orange und gelb für Carotinoide, blau und lila für Flavonoide usw. – je bunter ihr Einkaufskorb, desto gesünder ist er.

Was soll man meiden?

Hier gilt ganz klar: Fertigprodukte haben einen hohen Salzgehalt, oft versteckte Transfettsäuren und eine geringe gesunde Nährstoffdichte. Alkohol ist nicht verboten, sollte aber in geringen Maßen getrunken werden. Trotzdem empfehle ich zum Appetitanregen ein Gläschen Sherry, das lockt die Magensäure und der Hunger stellt sich ein. Außerdem rate ich zu hellem, fettarmen Fleisch und Fisch – aber zwei bis drei Mal in der Woche sind genug.

Gibt es eine spezielle Krebsdiät?

Auch hier eine klare Antwort: nein Die Ernährungsempfehlungen wirken unterstützend, helfen das Wohlbefinden zu steigern und geben mehr Kraft.

Krebsdiäten, die in einschlägigen Internetforen angeboten werden, sind immer einseitig und führen letztlich zu Mangelerscheinungen. Der Krebs lässt sich nicht aushungern, nur der Patient wird schwächer und verliert Energiereserven.

Was verstehen Sie unter Verhaltenstraining beim Essen?

Unser Gehirn merkt sich ganz rasch angenehme Ereignisse. Das lässt sich als neuronale Vernetzung auch nachweisen. Ein Beispiel: Ein Patient bekommt immer nach dem Essen krampfartige Schmerzen. Der Körper lernt, wenn ich nichts esse, habe ich keine Schmerzen, Inappetenz ist die Folge. Hier muss eine gezielte Schmerztherapie und eventuell auch ein Entspannungstraining nach Jacobson rechtzeitig begonnen werden, um dieses Lernverhalten zu unterbrechen.

Das Auge isst mit! Auch wenn Sie allein essen, gönnen sie sich einen schön gedeckten Tisch. Weg mit dem letzten Krankenhausbericht – lieber sollten Blumen Ihren Esstisch zieren!

Was halten Sie von Ethnopharmakologie?

Darunter versteht man den traditionellen Einsatz von Heilpflanzen. Das ist ein ganz spannendes Thema, denn unsere Vorfahren haben durch Beobachtung die heilende Wirkung von Pflanzen erkannt. Auch in fremden Ländern – denken Sie zum Beispiel an die Medizin der Indianer – gibt es gute Beispiele. Wenn diese Wirkungsweise wissenschaftlich erforscht wird, glaube ich, findet man die Grundlage für neue Heilmittel, auch gegen Krebs.

Wie soll die Ernährung nach der Therapie aussehen?

Die Ernährungsumstellung sollten Patienten, aber auch ihre Familien beibehalten. Eine fettarme Ernährung, die reich an Vitaminen und sekundären Pflanzenstoffen ist, schützt gleichzeitig das Herz und den Blutdruck, ist also zugleich auch eine herzgesunde Ernährung.

Für manche Patienten ist nach der Therapie eher wieder das Zunehmen ein Problem. Unterstützend hilft körperliche Bewegung. Es ist nachgewiesen, dass regelmäßiger Ausdauersport dreimal in der Woche über dreißig Minuten das Risiko für das Wiederauftreten der Krebserkrankung senken kann. Gleichzeitig erhalten Sie Ihr Wohlfühlgewicht. Glückshormone, die während des Sports freigesetzt werden, führen auch zu einem seelischen Gleichgewicht mit mehr Lebensfreude.

Sie veranstalten immer wieder Kochworkshops. Was ist das?

Kochworkshops sind die Brücke von der Theorie zur Praxis. Gemeinsam mit Elisabeth Fischer bereiten wir ein mehrgängiges Menü.

Wie koche ich schonend? Wie schneide ich welches Gemüse? Welche Gewürze bringen den richtigen Schwung in das Essen?

Dieses gemeinsame Kochen bietet Antworten auf viele Fragen. Wir kochen mit Betroffenen, Angehörigen, Pflegepersonal, aber auch so mancher Arzt hat statt Rezeptschreiben bei uns schon den Kochlöffel geschwungen. Es ist immer ein großes Vergnügen, denn Kochen entspannt, interessante Gespräche werden geführt und ein bisschen Stolz zum gelungenen Mahl wird auch mitgeliefert.

 

Prof. Dr. Irene Kührer

Fachärztin für Innere Medizin, Hämatologie und Onkologie
OÄ an der Wiener Universitätsklinik für Chirurgie, AKH Wien
Ernährungsexpertin und Schmerztherapeutin